Überlebende der Titanic – Geschichten: Douglas Spedden



Der Amerikaner Douglas Spedden war sieben Jahre alt und reiste mit seinen Eltern und seiner Kinderfrau auf der Titanic. Die Familie war nach einer Urlaubsreise nach Algier und Monte Carlo auf dem Weg zurück nach Hause. Daisy und Frederic Spedden waren reiche New Yorker, die im eleganten Vorort Tuxedo Park wohnten. Sie hatten außerdem ein Haus in Bar Harbor in Maine und verbrachten die Winter in Madeira oder anderen europäischen Ressorts. Die Familie war mit einem Dienstmädchen und Douglas’ Kinderfrau Margaret Burns unterwegs. Das Kind konnte den Namen seiner Kinderfrau nicht aussprechen und nannte sie deshalb liebevoll Muddie Boons.
 

Die Überfahrt

Am 10. April bestieg die Familie einen Zug von Paris nach Cherbourg, wo sie sich auf der Titanic einschifften. Die Titanic war vor der Küste vor Anker gegangen, da der Hafen von Cherbourg zu klein für das gigantische Schiff war. Die Passagiere der ersten und zweiten Klasse wurden auf der SS Nomadic, einem eigens zu diesem Zweck gebauten Tenderschiff, transportiert. Die Fahrt dauerte zwischen 30 und 45 Minuten und die Passagiere erwarteten den gleichen Luxus wie auf dem eigentlichen Linienschiff. Die Speddens befanden sich in Gesellschaft einiger der reichsten Menschen der Welt. Zu ihnen gehörten etwa Colonel John Jacob Astor und seine neue Frau Madeleine, Benjamin Guggenheim und sein Gefolge und die berühmte „unsinkbare“ Molly Brown.

Douglas ist als der kleine Junge, der an Deck der Titanic mit einem Kreisel spielt, in die Geschichte eingegangen. Der Moment wurde durch eine Fotografie verewigt, die der Jesuitenpriester Father Francis Browne aufnahm und als Teil seiner Sammlung veröffentlichte. In dem Film „Titanic“ hauchte James Cameron dem Bild Leben ein. Douglas ist außerdem auf einer Fotografie zu sehen, die auf dem Promenadendeck der Titanic aufgenommen wurde. Er blickt hinaus auf die offene See, während ein Besatzungsmitglied im Vordergrund Modell steht. Doch die eindringlichste Erinnerung an Douglas Spedden bleibt uns in Form des Kinderbuchs „Polar, der Titanic-Bär“, das seine Mutter für ihn schrieb. Es beschreibt die Erlebnisse seines geliebten weißen Teddybären Polar, der den Jungen auf die Titanic begleitete.
 

Zusammenstoß

Douglas’ Eltern berichteten, dass sie von einer plötzlichen Erschütterung und dem Geräusch der schleifenden Maschinen geweckt wurden. Daisy und Frederic Spedden gingen an Deck, um herauszufinden, was geschehen war. In ihrem Tagebuch beschrieb Daisy, dass das Schiff bereits Schieflage hatte, und sie ging zurück zu den Kabinen, um ihren Sohn, seine Kinderfrau und das Dienstmädchen zu wecken. Eine Stunde nach dem Zusammenstoß half ein Besatzungsmitglied Mrs. Spedden, den beiden Dienstboten und Douglas in Rettungsboot 3. Da sich keine anderen Frauen und Kinder in Sichtweite befanden, konnten Frederic Spedden und zwanzig andere Männer ebenfalls an Bord gehen. Nachdem die Titanic untergegangen war, versuchten die Passagiere von Rettungsboot 3, das ranghöchste Besatzungsmitglied zum Umkehren zu überreden, um Passagiere aus dem Wasser zu retten. Er entschied sich jedoch dagegen, da er Angst hatte, dass das kleine Boot vom Sog des riesigen Schiffes in die Tiefe gerissen werden könnte. Dicht aneinander gedrängt, um sich vor der Kälte zu schützen, wartete die Familie auf das Rettungsschiff. Douglas schien die Tortur relativ kalt zu lassen, denn Augenzeugen zufolge schlief er an Bord des Rettungsboots, bis die Sonne aufging. In einem Brief an eine Freundin in Madeira beschrieb Daisy Spedden eine weitere Rettungsbootinsassin, die „nie aufhörte zu reden und den Matrosen Befehle zu erteilen, während sie häufig tiefe Schlucke aus einer Brandyflasche nahm, von der sie niemandem etwas anbot“.
 

Die Zeit danach

Andere Passagiere der Carpathia erinnerten sich später an die Speddens, da sie sich rührend um Mitreisende kümmerten. Der Kapitän der Carpathia Arthur Rostron sprach den Speddens ein besonderes Lob für ihr Verhalten auf der Reise nach New York aus. Nach dem Untergang der Titanic unternahmen sie weiterhin ihre üblichen Reisen nach Europa, allerdings mit einem neuen Blickwinkel auf die Vergänglichkeit des Lebens. Daisy schrieb, dass sich die Werte ihrer aller Leben verändert hatten und „die täglichen Vorfälle, die uns einmal so wichtig erschienen, zu Nichtigkeiten geschrumpft sind.“ Leider wurde dieser Blickwinkel drei Jahre später wieder in den Mittelpunkt gerückt. Während die Familie den Sommer in Maine verbrachte, rannte der nun neunjährige Douglas auf eine Straße, um einem Ball zu folgen. Er wurde von einem Auto erfasst und getötet. Er war das einzige Kind der Familie. Niemand weiß, was aus dem Teddybären Polar wurde. Douglas’ Mutter hörte auf, Tagebuch zu führen. Das Paar bekam keine weiteren Kinder. Frederic starb 1947, Daisy nur drei Jahre später. Das Buch, das von Polars Abenteuer auf der Titanic erzählt, schrieb Daisy 1913 als Weihnachtsgeschenk für Douglas. Sie entwarf und zeichnete den Einband selbst. Es wurde 1994 von Madison Press veröffentlicht, nachdem ein Familienmitglied es unter Daisys persönlichem Eigentum fand.
 

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