Die Artefakte der Titanic
Schon kurz nach dem Untergang des Schiffes wurden Rufe nach einer Bergung laut. Zu denen, die sich für dieses Unternehmen aussprachen, gehörten unter anderem die Familien Astor, Guggenheim und Widener. Im Laufe der Jahrzehnte wurden verschiedene Bergungsmethoden entwickelt, doch die Position der Titanic blieb bis zu ihrem Fund im September 1985 Spekulation.
Auch danach blieb das Heben des Schiffes ein Wunschtraum, der angesichts der weitaus leichter realisierbaren Bergung von Gegenständen aus einem Trümmerfeld, das der Fläche Londons entspricht, in den Hintergrund trat. Bald schon erregten Tiefseefotografien von Gegenständen wie Porzellan, Puppen und Schuhen öffentliche Aufmerksamkeit. Doch das Entfernen dieser Gegenstände und das Erteilen exklusiver Bergungsrechte an ein amerikanisches Unternehmen sorgten dafür, dass die sprichwörtliche See um das Wrack stürmisch blieb. Ist die Titanic nun in erster Linie Grabstätte, archäologischer Fundort oder Eigentum des Bergungsunternehmens? Das Unternehmen RMS Titanic Inc beschränkte sich bei der Bergung zunächst auf das Trümmerfeld, doch schon bald wurden Gegenstände aus dem Inneren des Schiffs an die Oberfläche gebracht und in äußerst erfolgreichen Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert.
Robert Ballard, der Entdecker der am Meeresgrund liegenden Titanic, übte scharfe Kritik an der, wie er es nannte, „Plünderung“ des Wracks. Er sprach sich stattdessen für eine „Telepräsenz“ aus, bei der durch von Robotern aufgenommenes Dokumentarmaterial aus dem Inneren des Wracks die einstige Pracht des Schiffes erhalten werden kann. Andere betrachten das Wrack als historische Stätte; für sie haben die daraus geborgenen Gegenstände einen äußerst hohen soziohistorischen Wert. Unabhängig davon sind die an die Oberfläche gebrachten Gegenstände (Schiffsteile, Innenausstattung, persönliche Dinge) durch die tragischen Umstände und das erstaunliche Charisma der Titanic zu Artefakten von ergreifender Schönheit und Anziehungskraft geworden. Wenn die Bronzeglocke, mit der der Ausguck Frederick Fleet den näher kommenden Eisberg meldete, ein bewegender Anblick ist, der nachdenklich stimmt, gilt dies sicher auch für das riesige Rumpfsegment – besonders, wenn man die Möglichkeit hat, es zu berühren. Der Begriff „Artefakte“ ist sicher zu steril, um das persönliche Eigentum zu beschreiben, das Ausstellungsbesucher heute besichtigen können: Ketten und Armbänder, die Jacke eines Stewards, auf der das Namensschild noch deutlich lesbar ist, Parfumflakons, Uhren, Hosen, eine Klarinette, Brieftaschen, Ausweise und sogar Banknoten. Auch heute noch üben diese Besitztümer eine starke und rührende Faszination aus.